Der sichere Ort in der EMDR-Sitzung: Bedeutung, Funktion und Anwendung
EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist eine evidenzbasierte, hochwirksame Methode der Psychotherapie, die ursprünglich zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) entwickelt wurde. Sie beruht auf der Annahme, dass belastende und traumatische Erfahrungen häufig nicht ausreichend verarbeitet werden und in der Folge zu anhaltenden emotionalen Beeinträchtigungen führen, die das Leben der Betroffenen maßgeblich beeinflussen können.
Ein zentrales Element innerhalb des therapeutischen Prozesses stellt der sogenannte „sichere Ort“ dar – eine mentale Ressource, die dazu dient, während der Sitzungen einen Zustand innerer Ruhe, Sicherheit und emotionaler Stabilität zu ermöglichen.
Hinweis zum EMDR-Selbstcoaching
Beim EMDR-Selbstcoaching gehört die Etablierung des Sicheren Ortes nicht zu den 6 Schritten, da davon ausgegangen wird, dass der Anwender in der Lage ist, sich vom Coachingthema jederzeit distanzieren und sich selbst beruhigen zu können. Aber auch wenn keine zwingenden Notwendigkeit beim Selbstcoaching besteht, ist das Einrichten eines Sicheren Ortes und die wiederholte Reise dorthin immer wieder eine bereichernde beruhigende und schöne Erfahrung. Zu empfehlen ist ein Sicherer Ort daher schon.
Was ist der sichere Ort – und wozu dient er?
Der sichere Ort ist eine individuell gestaltete Vorstellung eines Ortes, der mit positiven Gefühlen assoziiert ist. Dabei kann es sich um einen realen Ort handeln, der dem Betroffenen vertraut ist, oder um einen imaginären Ort, der in der eigenen Vorstellung konstruiert wird. Entscheidend ist, dass dieser Ort ein subjektives Gefühl von Schutz, Geborgenheit und Entspannung hervorruft.
Während der EMDR-Sitzungen wird die betroffene Person schrittweise angeleitet, diesen Ort in ihrer Vorstellung aufzubauen. Dabei werden sensorische Details bewusst einbezogen: Wie sieht die Umgebung aus? Welche Geräusche sind hörbar? Welche Farben, Düfte und Empfindungen lassen sich wahrnehmen? Diese lebendige multisensorische Imagination schafft nicht nur ein emotional positives Gegengewicht zu belastenden Erinnerungen, sondern ermöglicht auch eine kurzfristige psychische Distanzierung im therapeutischen Prozess.
Ziel ist es nicht, schwierige Erinnerungen zu verdrängen oder auszublenden, sondern die emotionale Belastbarkeit während der Bearbeitung zu stabilisieren. Der sichere Ort fungiert als mentaler Rückzugsraum, der gezielt aufgerufen werden kann, um die emotionale Selbstregulation zu stärken.
Integration in den EMDR-Prozess
Während einer typischen EMDR-Sitzung wird die betroffene Person dazu angeleitet, sich auf spezifische belastende Erinnerungen zu konzentrieren. Gleichzeitig kommen bilaterale Stimulationstechniken zum Einsatz – etwa visuelle Reize durch Augenbewegungen oder auditive Reize über wechselseitige Töne in beiden Ohren. Diese bilaterale Stimulation dient der Förderung der neuronalen Verarbeitung und Integration der Erinnerungen.
In diesem Kontext erhält der sichere Ort eine doppelte Funktion: Er kann vorbereitend dazu dienen, eine vertrauensvolle Grundstabilität aufzubauen, und während der Sitzung als aktive Bewältigungsressource herangezogen werden, wenn emotionale Überforderung auftritt. Die Möglichkeit, sich in einem belastenden Moment innerlich in einen geschützten Zustand zurückzuziehen, trägt wesentlich dazu bei, den Prozess fortsetzen zu können und die emotionale Stabilität aufrechtzuerhalten.
Auch außerhalb der Therapie wirksam
Die Anwendung des sicheren Ortes ist nicht auf die Therapiesitzungen beschränkt. Vielmehr kann diese Technik im Alltag als bewährte Selbstberuhigungsstrategie genutzt werden – etwa in akuten Belastungssituationen, bei Paniksymptomen oder emotionaler Überreizung. Der sichere Ort fungiert hierbei als jederzeit aktivierbares Werkzeug, um die eigenen emotionalen Ressourcen zu mobilisieren und gezielt in einen Zustand innerer Ruhe zurückzufinden.
Ein Ort, der heilt und stärkt
Der sichere Ort ist weit mehr als eine einfache Imaginationsübung. Als strukturierter Bestandteil der EMDR-Therapie trägt er wesentlich zur Verarbeitung traumatischer Erfahrungen bei, indem er emotionale Sicherheit schafft, die Selbstregulation unterstützt und das Gefühl innerer Kontrolle stärkt. Durch die Verbindung mit bilateralen Stimulationstechniken kann dieser geschützte innere Raum dabei helfen, nicht nur kurzfristige Entlastung zu schaffen, sondern auch langfristige Heilungsprozesse zu fördern.
Wie der sichere Ort im Rahmen der EMDR-Therapie etabliert wird
Die Einrichtung eines sogenannten „sicheren Ortes“ stellt innerhalb einer EMDR-Sitzung einen bedeutsamen vorbereitenden Schritt dar. Dieses imaginierte oder erinnerte Refugium dient als emotionaler Rückzugsraum, auf den die betroffene Person während des therapeutischen Prozesses zurückgreifen kann, um innere Ruhe und psychische Stabilität wiederherzustellen. Die Etablierung des sicheren Ortes erfolgt unter Anleitung des Therapeuten und wird individuell auf die Bedürfnisse und Ressourcen des Patienten abgestimmt.
Einführung und Zielklärung durch den Therapeuten
Zu Beginn der Sitzung erläutert der Therapeut die Funktion und den therapeutischen Nutzen des sicheren Ortes. Er macht deutlich, dass es sich um einen Ort handelt, an dem sich die betroffene Person sicher, geborgen und entspannt fühlen kann. Der Patient wird dazu eingeladen, einen Ort zu wählen, der für ihn persönlich eine positive Bedeutung hat. Dabei kann es sich sowohl um einen realen, vertrauten Ort handeln als auch um eine imaginäre Umgebung, die vollständig in der Vorstellung konstruiert wird.
Angeleitete Visualisierung und sensorische Vertiefung
Der Therapeut unterstützt die bildhafte Vorstellung durch gezielte Fragen: Wie sieht dieser Ort aus? Welche Farben, Formen oder landschaftlichen Elemente sind präsent? Gibt es charakteristische Geräusche, bestimmte Düfte oder spürbare Texturen? Ziel ist es, eine möglichst lebendige und sinnlich angereicherte Vorstellung zu fördern. Die bewusste Aktivierung verschiedener Sinneskanäle erleichtert es, eine emotional wirksame Verbindung zum sicheren Ort aufzubauen.
Sobald die Visualisierung steht, wird die betroffene Person ermutigt, die damit verbundenen emotionalen Empfindungen bewusst wahrzunehmen. Besonders die Erfahrung von innerer Ruhe, Sicherheit und Entlastung soll hervorgehoben und verstärkt werden. Der Therapeut begleitet diesen Prozess achtsam und instruiert dazu, sich gezielt auf diese positiven Gefühlszustände zu konzentrieren.
Vertiefung und Verankerung des sicheren Ortes
Um die emotionale Verbindung zum sicheren Ort weiter zu stabilisieren, können zusätzlich körperbezogene oder symbolische Elemente integriert werden. Beispielsweise kann der Therapeut anregen, eine symbolische Geste auszuführen – etwa das Halten eines imaginären Gegenstands oder das Berühren eines bestimmten Körperbereichs – um die Erfahrung körperlich zu verankern. Auch das Einführen positiver innerer Sätze oder Affirmationen, die mit dem sicheren Ort verbunden sind, kann den Effekt verstärken und die Zugänglichkeit erhöhen.
Diese Techniken dienen der langfristigen Verankerung des sicheren Ortes im emotionalen Gedächtnis. Sie ermöglichen es, diesen Ort auch in späteren Sitzungen oder in belastenden Alltagssituationen zuverlässig zu aktivieren.
Nachhaltige Verfügbarkeit im therapeutischen und alltäglichen Kontext
Am Ende der Sitzung wird sichergestellt, dass der Patient in der Lage ist, den sicheren Ort bei Bedarf selbstständig aufzurufen. Der Therapeut empfiehlt, diesen inneren Raum nicht nur innerhalb der Therapie, sondern auch außerhalb bewusst zu nutzen – etwa in Momenten emotionaler Anspannung, bei Schlafproblemen oder in Situationen erhöhter psychischer Belastung.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass die konkrete Vorgehensweise zur Etablierung des sicheren Ortes je nach Therapeut, therapeutischer Schule und individuellen Voraussetzungen des Patienten variieren kann. Die Intervention wird stets flexibel an die persönliche Erlebniswelt und das Vorstellungsvermögen der betroffenen Person angepasst.
Ein individuell gestalteter Schutzraum
Die Etablierung des sicheren Ortes stellt eine ressourcenorientierte Intervention innerhalb der EMDR-Therapie dar. Durch die bewusste Aktivierung positiver innerer Bilder und die Einbindung sensorischer und emotionaler Ebenen entsteht ein innerer Schutzraum, der zur Stabilisierung, Selbstregulation und langfristigen Resilienzförderung beiträgt. Richtig angeleitet und individuell ausgestaltet, wird der sichere Ort zu einem jederzeit verfügbaren inneren Anker – sowohl in der Therapie als auch im Alltag.
Beispiel für die Etablierung eines Sicheren Ortes
Der Therapeut sagt:
„Lass uns nun gemeinsam den Prozess deines sicheren Ortes beginnen. Schließe deine Augen und nimm eine bequeme Position ein. Spüre deinen Atem und lass deinen Körper langsam zur Ruhe kommen. Stell dir vor, dass du an einem Ort bist, der dir ein tiefes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt.
Stell dir vor, wie du an einem wunderschönen, abgelegenen Ort bist. Es könnte ein realer Ort sein, den du kennst und der positive Gefühle in dir hervorruft, oder du erschaffst dir in deiner Vorstellung einen ganz neuen Ort. Es ist ein Ort, der dir ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit gibt – ein Ort, an dem du dich vollkommen entspannt und geschützt fühlst.
Betrachte die Umgebung dieses Ortes. Welche Farben dominieren? Gibt es sanfte Grüntöne der Natur, beruhigende Blautöne des Wassers oder warme Erdtöne? Lass diese Farben lebendig werden und spüre, wie sie ein Gefühl der Entspannung und des Wohlbefindens in dir hervorrufen.
Nun lenke deine Aufmerksamkeit auf die Geräusche. Lausche den Klängen, die diesen Ort ausmachen. Vielleicht hörst du das sanfte Rauschen des Meeres, das Zwitschern der Vögel in den Bäumen oder das Rascheln der Blätter im Wind. Lass diese Geräusche deine Sinne erfüllen und spüre, wie sie dir ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln.
Atme tief ein und nimm den Duft dieses Ortes wahr. Vielleicht riechst du den frischen Duft von Blumen, das erdige Aroma des Waldes oder das salzige Meer in der Luft. Erlaube dir, diesen Duft tief einzuatmen, und spüre, wie er dich innerlich beruhigt und entspannt.
Nun erkunde diesen Ort weiter. Nimm die Details wahr, die dich umgeben. Spüre die Textur des Bodens unter deinen Füßen, die sanfte Brise auf deiner Haut, die warme Sonne auf deinem Gesicht. Nimm alles in dich auf und lass dieses Bild in deinem Geist Gestalt annehmen.
Dieser Ort, den du in deiner Vorstellung kreierst, ist dein sicherer Ort. Ein Ort, den du jederzeit aufsuchen kannst, um dich zu beruhigen und wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Ein Ort, an dem du dich sicher und geborgen fühlst – frei von jeglichen Belastungen und Ängsten.
Wenn du bereit bist, öffne langsam deine Augen und kehre in den Raum zurück. Halte die Vorstellung deines sicheren Ortes in deinem Geist präsent, und wisse, dass du ihn immer wieder aufsuchen kannst, um Ruhe und Stabilität zu finden – sowohl während unserer EMDR-Sitzungen als auch im Alltag.“
Hinweis:
Es ist zu beachten, dass dieser Monolog als Beispiel dient und ein tatsächlicher Therapeut individuell auf die Bedürfnisse und Präferenzen des Patienten eingehen würde, um den Prozess des sicheren Ortes zu unterstützen.
Der sichere Ort: Ursprünge und theoretische Grundlagen
Die Konzeption eines sogenannten „sicheren Ortes“ sowohl in der Psychotherapie als auch im Coaching gründet sich auf unterschiedlichen theoretischen Strömungen und therapeutischen Ansätzen. Besonders prägend ist der Einfluss des Neuro-Linguistischen Programmierens (NLP) – eines Modells, das sich mit der Wechselwirkung zwischen Denken, Sprache und Verhalten befasst.
Innerhalb des NLP kommt der Visualisierung eine zentrale Rolle zu. Ziel ist es, durch bewusst erzeugte innere Bilder neuronale Aktivierungsprozesse zu fördern, die zu positiven Veränderungen im emotionalen Erleben und Verhalten führen können. Diese Technik ist ebenfalls Grundlage bei der Erarbeitung eines sicheren Ortes: Durch gezielte Imagination werden neuronale Verbindungen gestärkt und positive Erfahrungen innerlich verankert.
Die Integration des sicheren Ortes lässt sich allerdings nicht exklusiv auf das NLP zurückführen. Vielmehr handelt es sich um ein transdisziplinäres Konzept, das in unterschiedlichen therapeutischen Richtungen zur Anwendung kommt. Eine besondere Bedeutung erlangte es durch die EMDR-Therapie (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), entwickelt von der Psychologin Francine Shapiro in den späten 1980er Jahren. Die EMDR-Methode hat sich seither als evidenzbasiertes Verfahren in der Behandlung von Traumafolgestörungen etabliert und systematisiert den sicheren Ort als zentralen Bestandteil der Stabilisierung.
Im Kontext von EMDR wird davon ausgegangen, dass traumatische Erlebnisse das Nervensystem in einen Zustand der Übererregung versetzen, wodurch der Zugang zu inneren Ressourcen erschwert wird. Der sichere Ort schafft in solchen Momenten einen geschützten mentalen Raum, in dem Entspannung, Geborgenheit und emotionale Regulation möglich sind. Er unterstützt somit aktiv die Re-Integration von Selbstwirksamkeit und innerer Stabilität.
Der sichere Ort als multisensorische Erfahrung
Die Wirksamkeit des sicheren Ortes beruht wesentlich auf der Einbeziehung mehrerer Sinneskanäle. Eine ganzheitliche und emotional bedeutsame Vorstellung gelingt vor allem dann, wenn möglichst viele Wahrnehmungsdimensionen angesprochen werden.
- Visuelle Vorstellung: Farben, Formen, Lichtverhältnisse und räumliche Details des Ortes werden in der inneren Vorstellung lebendig gemacht.
- Auditive Komponenten: Natürliche Klänge wie Wasserrauschen, Vogelgezwitscher oder Blätterrascheln verleihen der Vorstellung Tiefe.
- Kinästhetisches Erleben: Körperliche Empfindungen – Boden, Temperatur, Wind – stärken die realitätsnahe Wahrnehmung des Ortes.
- Olfaktorische Elemente: Düfte wie Wald, Meer oder Blumen aktivieren emotionale Erinnerungen im limbischen System.
- Haptische Vorstellungskraft: Das imaginäre Spüren von Oberflächen wie Gras oder Wasser kann beruhigend und stabilisierend wirken.
Fazit: Die Tiefe eines sicheren inneren Raums
Die Schaffung eines sicheren Ortes basiert auf einem integrativen Zusammenspiel unterschiedlicher therapeutischer Konzepte – insbesondere aus dem NLP und der EMDR-Therapie. Die multisensorische Konstruktion dieses inneren Rückzugsraums ermöglicht nicht nur eine intensive emotionale Verankerung, sondern unterstützt gezielt den Zugang zu stabilisierenden Ressourcen.
Durch die bewusste Einbindung aller Sinne wird der sichere Ort zu einer lebendigen inneren Erfahrung, die im therapeutischen wie auch im alltäglichen Kontext eine spürbare Wirkung entfalten kann. Er hilft dabei, in herausfordernden Situationen emotionalen Halt zu finden und den Zugang zu innerer Ruhe und Selbstwirksamkeit wiederherzustellen.