Wenn du wichtige Aufgaben wiederholt aufschiebst, obwohl du handeln möchtest, lohnt sich die Unterscheidung zwischen sachlichen Hindernissen und emotionaler Vermeidung. Unklare Planung, fehlende Informationen oder Ablenkungsgewohnheiten verlangen andere Schritte als Angst oder Scham beim Gedanken an die Aufgabe. Das von dem EMDR- und Traumatherapeuten Thomas Buhl entwickelte EMDR-Selbstcoaching in sechs Schritten bietet bei beherrschbaren Alltagsthemen einen möglichen Ansatz, um diese konkrete emotionale Belastung zu bearbeiten. Welche Unterstützung passt, hängt davon ab, was dich tatsächlich zurückhält.

Sonntagabend. Du schaust in deinen Kalender und überträgst drei Aufgaben in die nächste Woche. Dieselben drei wie am vergangenen Sonntag. An anderen Stellen hast du einiges erledigt. Du warst beschäftigt, hast Termine eingehalten und Menschen geholfen. Nur diese Aufgaben sind wieder liegen geblieben.
Beim Verschieben wird dir schwer zumute. Du weißt, dass es nächste Woche enger wird. Trotzdem kommt kurz Erleichterung auf: Heute musst du dich nicht mehr damit befassen. Gleich darauf folgt der Vorwurf: „Warum kriege ich das nicht hin?“ Vielleicht wird daraus sogar: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
An diesem Punkt lohnt es sich, genauer hinzusehen. Das Wort Prokrastination benennt ein Aufschiebemuster. Es erklärt noch nicht, was bei dir im Einzelnen geschieht.
Nicht jede verschobene Aufgabe ist Prokrastination
Es gibt vernünftige Gründe, etwas später zu erledigen. Eine andere Aufgabe ist dringender. Du brauchst eine Rückmeldung. Deine Zeit reicht tatsächlich nicht. Wer dann neu priorisiert, organisiert seinen Alltag. Auch eine bewusst gewählte Pause ist kein Beleg für ein Aufschiebeproblem.
Typisch für problematisches Aufschieben ist dagegen die Lücke zwischen Absicht und Verhalten: Du möchtest anfangen oder weiterarbeiten, vertagst es dennoch und machst dir die Erledigung dadurch schwerer. Vielleicht gerätst du unter Zeitdruck, verpasst Gelegenheiten oder verlierst Vertrauen in deine eigenen Zusagen.
Von außen kann beides ähnlich aussehen. Eine unerledigte Aufgabe verrät nicht, ob jemand sinnvoll umgeplant hat, sich regelmäßig ablenken lässt oder vor einer belastenden Erwartung zurückweicht. Auch das Urteil „faul“ hilft bei dieser Unterscheidung wenig. Es beschreibt weder das Hindernis noch den Moment, in dem deine Absicht verloren geht.
Vier Hindernisse, die unterschiedlich betrachtet werden wollen
Organisation und Umfang: Vielleicht steht „Unterlagen erledigen“ auf deiner Liste, aber dahinter stecken zehn verschiedene Tätigkeiten. Du hast weder den Aufwand noch den Anfang geklärt. Oder du planst regelmäßig mehr ein, als in den Tag passt. Dann ist zunächst die Planung zu prüfen. Eine unrealistische Aufgabenmenge wird durch Selbstvorwürfe nicht kleiner.
Information und Können: Manchmal fehlt eine Zahl, eine Entscheidung anderer oder eine Fähigkeit, die du noch lernen musst. Du kannst den nächsten Schritt deshalb nicht sinnvoll ausführen. Das kann unangenehm sein, bleibt aber zunächst ein sachliches Hindernis. Du brauchst Auskunft, Übung oder Unterstützung bei der Aufgabe.
Ablenkungsgewohnheiten: Vielleicht greifst du zum Handy, sobald eine Tätigkeit eintönig wird. Du wechselst zwischen Anwendungen, ohne lange bei einer Sache zu bleiben. Dafür muss keine tiefere emotionale Geschichte verantwortlich sein. Die Umgebung und dein gewohnter Umgang mit Unterbrechungen verdienen hier Aufmerksamkeit.
Emotionale Vermeidung: Du weißt, was zu tun ist, könntest es tun und hast Zeit dafür. Doch sobald du die Aufgabe näher betrachtest, wird etwas unangenehm. Du erwartest Kritik, schämst dich für den bisherigen Rückstand oder fühlst dich einer Anforderung nicht gewachsen. Das Ausweichen verschafft dir vorübergehend Abstand von diesem Erleben.
Diese vier Blickrichtungen sind keine festen Menschentypen. Sie können sich überschneiden. Eine unklare Aufgabe kann Unsicherheit auslösen; häufiges Aufschieben kann zusätzlich Scham erzeugen. Entscheidend ist, welche Hürde in der konkreten Situation wirksam wird.
Die Abzweigung kurz vor dem Start
Bei emotionaler Vermeidung steht häufig eine kleine Abzweigung zwischen deiner Absicht und der eigentlichen Tätigkeit. Du willst dich der Aufgabe zuwenden. Dann meldet sich eine unangenehme Vorstellung, und plötzlich erscheint etwas anderes wichtiger.
Was passiert in den Sekunden, bevor aus einer Absicht wieder Ausweichen wird? Vielleicht siehst du schon vor dir, wie jemand dein Ergebnis zurückweist. Vielleicht denkst du: „Dafür bin ich nicht gut genug.“ Oder du spürst zunächst nur Widerwillen und suchst erst anschließend nach einem Grund, heute doch nicht anzufangen.
Ob das bei dir so ist, lässt sich nicht an der Länge deiner Aufgabenliste erkennen. Ein Hinweis kann sein, dass das Unbehagen gerade beim Annähern an eine bestimmte Aufgabe zunimmt und beim Weglegen wieder nachlässt. Das beweist keine Ursache. Es zeigt aber, dass neben der Organisation auch deine innere Reaktion Beachtung verdient.
Ein hoher Anspruch kann dabei eine Rolle spielen. Er lässt dann selbst einen brauchbaren Anfang unzulänglich erscheinen. Selbstzweifel können wiederum aus einer einzelnen Schwierigkeit ein Urteil über deine gesamte Fähigkeit machen. Beides kann Aufschieben begünstigen, ist aber nicht mit Prokrastination gleichzusetzen.
Eine Aufgabe kann mehr auslösen als einen Gedanken
Belastende Erwartungen bleiben nicht immer auf der sprachlichen Ebene. Zum Gedanken „Ich werde mich blamieren“ kann Scham gehören, dazu Hitze im Gesicht oder ein Zusammenziehen im Bauch. Ein anderer Mensch erlebt eher Ärger und angespannte Schultern. Manche fühlen sich schwer und kommen kaum in Bewegung.
Solche Reaktionen sind im EMDR-Verständnis ein wichtiger Teil des Erlebens. Frühere Erfahrungen können beeinflussen, wie eine heutige Anforderung auf dich wirkt. Wer mit einem eigenen Versuch einmal beschämt wurde, kann auch bei einer späteren, überschaubaren Aufgabe Zurückhaltung spüren. Daraus folgt nicht, dass jedes Aufschieben auf ein altes Erlebnis oder ein Trauma zurückgeht.
Du brauchst auch nicht sofort eine Erklärung aus deiner Vergangenheit. Zunächst genügt eine genaue Beschreibung der Gegenwart: Welche Aufgabe ist es? Welcher Gedanke taucht auf? Was fühlst du dabei, und bemerkst du eine körperliche Reaktion? Wenn dir dabei nichts Auffälliges begegnet, musst du keine verborgene Blockade erfinden.
Wann EMDR-Selbstcoaching eine passende Perspektive eröffnet
Nimm den Sonntagabend vom Anfang. Das erneute Verschieben löst den Satz „Mit mir stimmt etwas nicht“ aus, verbunden mit Druck oder Schwere. Dieser begrenzte Augenblick kann ein Thema für Selbstcoaching sein. Das Ziel wäre, die Belastung zu bearbeiten, die du beim Blick auf diese Aufgabe erlebst.
EMDR-Selbstcoaching bezieht Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen ein und verbindet das gewählte Thema mit bilateraler Stimulation, vor allem mit geführten Augenbewegungen. Es richtet sich hier auf die konkrete innere Reaktion. Es ersetzt weder eine fehlende Information noch realistische Planung und verspricht nicht, Prokrastination insgesamt zu beseitigen.
Selbstcoaching kommt für beherrschbare, nichtklinische Alltagsthemen infrage. Wenn dich eine Szene überwältigt, traumatisches Material auftritt oder du dich nicht wieder beruhigen kannst, brauchst du professionelle Begleitung. Auch anhaltendes Aufschieben mit starken Einschränkungen sollte fachlich abgeklärt werden. Aus einer Aufgabenliste lassen sich weder ADHS noch eine Depression ableiten.
Welche Frage jetzt für dich weiterführt
Beobachte bei einer der drei verschobenen Aufgaben zunächst nur den Übergang: Was geschieht unmittelbar, bevor du sie wieder vertagst? Halte eine konkrete Beobachtung fest, ohne dich dafür zu bewerten.
Fehlt etwas Sachliches, beginnt die Klärung dort. Bestimmt der Anspruch, alles fehlerfrei zu machen, dein Verhalten, lohnt sich die genauere Einordnung von Perfektionismus. Wird aus der Aufgabe ein Urteil über dich, stehen Selbstzweifel im Vordergrund. Ist eine deutliche innere Blockade erkennbar, verdient sie einen eigenen Blick. Und wenn du dein Aufschiebemuster bereits verstehst, kannst du dich gezielt damit befassen, wie du es veränderst.







