Nach einem gescheiterten Versuch wieder anzufangen heißt, zwei Dinge zu trennen: Was muss am Vorhaben verändert werden, und welche Belastung löst die Erinnerung an den Misserfolg aus? EMDR-Selbstcoaching kann bei einer beherrschbaren Alltagsszene an der Schwere oder Scham beim erneuten Öffnen der Aufgabe ansetzen. Es macht eine verpasste Frist nicht rückgängig; für den neuen Versuch brauchst du weiterhin einen realistischen, veränderten Arbeitsauftrag.

Du ziehst die Unterlagen für ein Vorhaben hervor, das seit Wochen liegen geblieben ist. Du hattest einen Beitrag für die Vereinschronik zugesagt, angefangen und dann immer wieder vertagt. Die vereinbarte Frist ist vorbei. Jetzt gibt es noch eine Möglichkeit, ihn nachzureichen. Doch schon deine alten Notizen machen dich mutlos.
„Ich scheitere wieder.“ Der Gedanke ist da, bevor du überhaupt liest, was du damals geschrieben hast. Vielleicht sinkst du im Stuhl zusammen. Am liebsten würdest du die Blätter zurücklegen. Es ist nicht mehr nur die Arbeit, die vor dir liegt. Du begegnest zugleich dem misslungenen ersten Versuch.
Was ist wirklich vorbei, was noch möglich?
Ein Neustart muss zur heutigen Lage passen. Kläre zuerst, ob die Aufgabe noch gebraucht wird, welche Frist jetzt gilt und welcher Umfang machbar ist. Vielleicht kann der Beitrag kürzer ausfallen. Vielleicht ist die Gelegenheit aber tatsächlich verstrichen. Dann wäre es nicht sinnvoll, das alte Vorhaben unverändert weiterzuverfolgen.
Diese Klärung ist kein Ausweichen vor deinen Gefühlen. Sie schafft eine verlässliche Grundlage. Eine abgesagte Möglichkeit lässt sich nicht durch mehr Zuversicht wiederherstellen, und ein zu großer Auftrag wird durch Selbstvorwürfe nicht kleiner.
Schau außerdem nach, was bereits vorhanden ist. Die Notizen sind nicht verschwunden, nur weil der Termin verpasst wurde. Einige Teile könnten weiter brauchbar sein. Der erste Versuch hat möglicherweise kein fertiges Ergebnis hervorgebracht und trotzdem Material geliefert, mit dem du jetzt arbeiten kannst.
Aus „Es hat nicht geklappt“ wird „Es wird nie klappen“
Beim Wiederaufnehmen kann ein vergangenes Ergebnis wie eine Vorhersage wirken. Du erinnerst dich an das Verschieben und erwartest sofort die Wiederholung. Die Enttäuschung von damals gehört dann gefühlt schon zum nächsten Versuch.
Dadurch bekommt selbst ein kleiner Arbeitsschritt eine zusätzliche Bedeutung: Er soll beweisen, dass du diesmal nicht versagst. Du willst vielleicht gleich besonders viel erledigen, um das alte Ergebnis auszugleichen. Ein weiterer stockender Nachmittag würde unter dieser Voraussetzung nicht nur ärgern, sondern das vertraute Urteil bestätigen.
Du brauchst den Misserfolg dafür nicht schönzureden. Der Termin wurde verpasst. Möglicherweise hast du jemanden warten lassen. Das anzuerkennen ist etwas anderes, als jedem künftigen Versuch dieselbe Entwicklung vorauszusagen. Entscheidend ist, welche Bedingungen du heute tatsächlich verändern kannst.
Gib dem zweiten Versuch einen anderen Auftrag
Wiederhole nicht bloß das alte Versprechen in lauterer Form. „Diesmal schreibe ich alles an einem Abend“ lässt womöglich genau den Umfang bestehen, an dem du zuvor hängen geblieben bist.
Für den Chronikbeitrag könnte der neue Auftrag lauten: die vorhandenen Notizen einem einzigen Abschnitt zuordnen. Danach ist sichtbar, was dort schon steht und welche Information fehlt. Das ist nicht die komplette Wiedergutmachung des ersten Versuchs, sondern ein sinnvoller Teil der noch möglichen Arbeit.
Lege auch fest, wo du wieder einsteigen kannst, wenn eine Unterbrechung kommt. Eine kurze Notiz am Arbeitsende reicht: Welcher Absatz folgt, welche Frage ist offen? Der nächste Beginn muss dann nicht jedes Mal aus dem Gedächtnis rekonstruiert werden.
Bleibt selbst dieser veränderte Auftrag mit deutlicher Scham oder Schwere verbunden, verdient die Reaktion auf den früheren Versuch einen eigenen Blick. Weitere Planung allein beantwortet sie möglicherweise nicht.
Bearbeite die Begegnung mit dem alten Versuch
Das konkrete Thema könnte der Augenblick sein, in dem du deine Notizen wieder hervorholst, an die verpasste Frist denkst und innerlich schon aufgibst. Dazu gehören der Satz „Ich scheitere wieder“, die Enttäuschung und eine spürbare Schwere. Du musst nicht deine gesamte Geschichte unerledigter Vorhaben aufrufen.
Thomas Buhls Buch und Tutorial beschreiben die Arbeit mit einem aktuell belastenden Thema, ohne zunächst dessen vollständige Ursache erklären zu müssen. Sein eigener Ansatz des EMDR-Selbstcoachings in sechs Schritten nimmt das emotionale und körperliche Erleben auf und verbindet es mit bilateraler Stimulation. Hier richtet sich die Arbeit auf deine heutige Reaktion beim Wiederaufnehmen.
Eine mögliche Entlastung wäre keine nachträgliche Korrektur des Misserfolgs. Sie könnte dir einen weniger belasteten Blick auf die noch offene Aufgabe ermöglichen; ob das geschieht, lässt sich nicht versprechen. Der Beitrag entsteht weiterhin durch sachliche Arbeit.
Für die selbstständige Anwendung von EMDR brauchst du einen vollständig erlernten Ablauf und ein begrenztes, nicht-krankhaftes Alltagsthema. Du darfst die Anwendung beenden. Wenn die Erinnerung dich überwältigt oder anhaltende Niedergeschlagenheit und starke Einschränkungen hinzukommen, suche professionelle Unterstützung. Auch wiederholtes Aufschieben ist für sich genommen keine Diagnose.
Der nächste Versuch muss nicht deine ganze Vergangenheit widerlegen
Kehre zu dem Auftrag zurück, der heute möglich ist. Welche Notizen gehören in den einen Abschnitt? Was fehlt noch? Prüfe den Fortschritt daran, nicht daran, ob du jetzt dauerhaft zuversichtlich bist.
Wenn du erneut ins Stocken gerätst, kannst du den aktuellen Grund untersuchen, ohne den gesamten Neustart für gescheitert zu erklären. Vielleicht ist eine Auskunft nötig, vielleicht war der Umfang noch zu groß. Heute darf ein geordneter Abschnitt genügen. Er macht den verpassten Termin nicht ungeschehen, aber er gehört bereits zum neuen Versuch.









