Das Dokument ist geöffnet. Du weißt ungefähr, was hinein soll. Noch ist nichts geschrieben, aber beim Blick auf die leere Seite fällt dir bereits ein: „Ich werde das nicht gut genug machen.“ Vielleicht wird es eng im Brustkorb. Du schließt die Datei, bevor der erste Satz steht.
Dabei wolltest du gerade beginnen. In den wenigen Sekunden zwischen Öffnen und Schreiben hat sich etwas verändert: Noch bevor der erste Satz steht, erwartest du bereits, nicht gut genug zu sein. Genau dieser Übergang verdient Aufmerksamkeit. Du brauchst dafür zunächst eine überschaubare Hilfe, keinen neuen Plan für dein ganzes Leben.
Thomas Buhl beschreibt in seinem Buch EMDR-Selbstcoaching in sechs Schritten, wie der Versuch, unangenehmen Gefühlen auszuweichen, das Handeln einschränken kann. Übertragen auf die leere Datei heißt das: Vielleicht weichst du gerade der erwarteten Bewertung aus, bevor du überhaupt geschrieben hast. Das ist eine mögliche Erklärung für diese Szene, keine allgemeine Ursache jeder Startblockade.
Prüfe deshalb zuerst, ob dir für den nächsten Handgriff etwas fehlt: Material, Klarheit, ungestörte Aufmerksamkeit oder Erholung. Ist der Schritt machbar und bleibt eine belastende innere Reaktion, kannst du diese genauer betrachten. Bei begrenzten, nicht-krankhaften Alltagsthemen kommt dafür auch EMDR-Selbstcoaching infrage.

Was fehlt dir genau jetzt zum Beginnen?
Halte kurz inne und benenne die Tätigkeit, die als Nächstes möglich sein sollte. „Den Text fertig machen“ enthält viele Schritte. „Die erste Information als Stichwort notieren“ lässt sich unmittelbar überprüfen. Daran kannst du erkennen, ob etwas fehlt oder ob dich bereits diese kleine Tätigkeit belastet.
- Ein sachliches Hindernis: Eine Datei, ein Zugang oder eine notwendige Auskunft fehlt. Kümmere dich zuerst darum; ohne diese Voraussetzung lässt sich die Aufgabe womöglich tatsächlich nicht beginnen.
- Fehlende Klarheit: Du kennst das gewünschte Ergebnis, aber nicht den nächsten Handgriff. Formuliere ihn genauer oder hole eine Erklärung ein.
- Gewohnheit: Du öffnest automatisch etwas anderes. Räume diese Ablenkung für den ersten Versuch beiseite und schau, ob der Einstieg dadurch gelingt.
- Müdigkeit oder Überlastung: Du bist erschöpft oder hast gerade mehr Anforderungen, als du bewältigen kannst. Dann können Erholung, Entlastung oder eine neue Priorität nötig sein.
- Emotionale Startblockade: Der nächste Schritt wäre machbar, doch beim Annähern entsteht eine belastende Erwartung oder ein deutlicher Widerstand. Diesen Moment kannst du genauer betrachten.
Mehrere Punkte können zugleich zutreffen. Aus einem stockenden Anfang lässt sich keine Diagnose ableiten. Auch eine ungeliebte Aufgabe muss nicht automatisch eine tieferliegende Blockade enthalten.
Der erste Satz darf noch unfertig sein
Bei der leeren Datei kann unbemerkt eine zusätzliche Forderung entstehen: Schon der Anfang soll so aussehen, als sei die Aufgabe fertig. Dann stehst du gedanklich vor dem gesamten Ergebnis, obwohl jetzt nur ein erster Versuch ansteht.
Schreibe zunächst ein sachliches Stichwort auf, das ohnehin in den Text gehört. Es braucht noch keine schöne Formulierung. Du kannst später daraus einen Satz machen. Du musst also nicht schon beim ersten Stichwort wissen, wie der fertige Text klingen soll.
Vielleicht kommst du damit weiter. Dann darfst du einfach arbeiten. Du musst nicht erst eine emotionale Ursache finden oder völlige Sicherheit herstellen. Bleibt der Widerstand jedoch schon beim einzelnen Stichwort deutlich, ist das eine genauere Beobachtung als „Ich kriege nichts hin“.
Beachte die Sekunde, in der du zurückweichst
Was macht den unmittelbar bevorstehenden Handgriff unangenehm? Vielleicht siehst du die leere Seite und erwartest, dass dein Text unbrauchbar wird. Vielleicht denkst du schon an jemanden, der ihn lesen könnte. Entscheidend ist, welche Vorstellung jetzt tatsächlich auftaucht.
Beachte auch, was nach dem Schließen der Datei passiert. Lässt das Unbehagen für einen Moment nach? Dann hat das Ausweichen möglicherweise Abstand von der belastenden Erwartung geschaffen, während die Aufgabe offen bleibt. Diese Beobachtung kann erklären, warum ein erneuter Vorsatz allein nicht weiterhilft: Beim nächsten Öffnen begegnet dir womöglich dieselbe Erwartung wieder. Du musst daraus weder eine tiefere Ursache ableiten noch eine solche Reaktion bei dir finden.
Bleibe dabei schlicht: „Beim Blick auf die leere Seite denke ich, dass ich es nicht gut genug machen werde. Ich fühle mich unsicher und bemerke Enge.“ Falls du keine Körperempfindung feststellst, gehört auch das zur Beobachtung. Du brauchst nichts zu ergänzen, damit die Beschreibung vollständig klingt.
Aus dem Startmoment wird ein konkretes Thema
Der Kippmoment macht das Thema greifbar: die geöffnete Datei, deine Erwartung und das Erleben kurz vor dem Schließen. Diese begrenzte Szene ist ein möglicher Bezugspunkt für innere Arbeit. Du wendest dich dem zu, was beim Annähern an die Aufgabe tatsächlich auftaucht. Damit ist weder die Ursache aller Startschwierigkeiten gefunden noch der Auftrag verbunden, sie auf einmal zu beseitigen.
Der EMDR- und Traumatherapeut Thomas Buhl hat für die selbstständige Anwendung von EMDR seinen eigenen Ablauf in sechs Schritten entwickelt. Wie er in seinem Buch und Tutorial erläutert, werden zunächst das Thema, die Emotion und die Körperempfindung wahrgenommen. Im vollständigen Ablauf werden sie mit bilateraler Stimulation, insbesondere schnellen Augenbewegungen, verbunden. Anschließend wird betrachtet, was sich am Erleben verändert hat. Die Körperwahrnehmung gehört dabei zur Beobachtung; sie beweist nicht, dass der Körper deine Startschwierigkeit verursacht.
Wenn du EMDR selbst anwenden möchtest, lerne den vollständigen Ablauf anhand seiner Anleitung oder seines Video-Tutorials und beachte die Hinweise zur Eignung. Nimm dir für eine Sitzung ausreichend Zeit. Selbstcoaching ist keine zusätzliche Pflicht, die du vor jedem Anfang erfüllen musst.
Die EMDR-Selbstanwendung kommt hier für begrenzte, nicht-krankhafte Alltagsthemen infrage. Du solltest Abstand zum Thema halten und dich wieder sammeln können. Bei Überforderung beendest du die Anwendung und suchst fachliche Unterstützung. Traumatische Inhalte oder psychische Erkrankungen gehören in professionelle Begleitung.
Zurück zur offenen Datei
Ob du zunächst ein sachliches Hindernis beseitigt oder dich mit der emotionalen Reaktion befasst hast: Der nächste Versuch zeigt dir, was jetzt möglich ist. Öffne die Datei und notiere das eine Stichwort. Beobachte, ob du bei dieser Tätigkeit bleiben kannst, ohne gleich das ganze Ergebnis beurteilen zu müssen. Eine innere Entlastung und ein tatsächlich geschriebenes Stichwort sind zwei verschiedene Beobachtungen. Auch ein leichterer Anfang sagt noch nicht, wie die nächste Aufgabe verlaufen wird.
Wenn das nicht gelingt, erhöhe nicht sofort den Druck. Vielleicht brauchst du eine konkrete Hilfestellung oder eine Pause. Wiederkehrende, stark einschränkende Startschwierigkeiten verdienen eine fachliche Abklärung. Für diesen Augenblick genügt ein sichtbarer Anfang: ein Stichwort, das stehen bleiben darf.








