Selbstzweifel können auf fehlendes Wissen hinweisen oder deine Fähigkeiten pauschal infrage stellen. Entscheidend ist, ob du eine konkrete Lücke benennen kannst oder aus einer Rückmeldung ein Urteil wie „Ich kann das grundsätzlich nicht“ wird. Bleibt trotz sachlicher Klärung eine belastende Selbstabwertung, kann EMDR-Selbstcoaching an der emotionalen Reaktion auf diese Rückmeldung ansetzen. Dafür braucht es eine begrenzte, beherrschbare Alltagsszene; tatsächliche Wissenslücken werden durch Lernen und Übung geschlossen.

„Auf dieser Seite ist die Schrift etwas schwer zu lesen.“ Mehr sagt deine Freundin nicht, als sie durch das Fotobuch blättert, das du selbst gestaltet hast. Sie meint eine dunkle Doppelseite. Du hörst etwas Größeres: Das ganze Buch ist misslungen. Du hast kein Gespür dafür. Wahrscheinlich hättest du es lassen sollen.
Du klappst das Buch zu. Die Lust, noch etwas daran zu ändern, ist weg. Dabei wäre die Schriftfarbe leicht anzupassen. Doch in dir steht gerade nicht mehr die Gestaltung einer Seite zur Diskussion, sondern deine Fähigkeit, überhaupt etwas Brauchbares zu machen.
Aus einer offenen Frage wird ein Urteil über dich
Bei einer neuen Aufgabe nicht sofort sicher zu sein, ist nachvollziehbar. Vielleicht kennst du ein Werkzeug noch nicht, hast wenig Erfahrung oder weißt nicht, welche Anforderungen gelten. Eine solche Unsicherheit lässt sich genauer beschreiben: „Ich kenne mich mit dieser Funktion noch nicht aus.“ Damit ist auch erkennbar, was du lernen oder klären könntest.
Globale Selbstzweifel sind schwerer zu greifen. Aus „Das ist mir noch nicht gelungen“ wird „Ich bin unfähig“. Aus einem Verbesserungsvorschlag wird der vermeintliche Beweis, dass du grundsätzlich nicht genügst. Dabei kann die Rückmeldung richtig sein, ohne dass dein Urteil über dich stimmt.
Das Selbstbild wirkt hier wie ein innerer Zerrspiegel: Ein einzelner schwacher Punkt nimmt plötzlich das ganze Bild ein. Die gelungenen Seiten des Fotobuchs verschwinden aus deiner Wahrnehmung. Was du bereits gelernt und umgesetzt hast, zählt in diesem Moment kaum.
Realistische Selbsteinschätzung darf beides enthalten. Du kannst eine Fähigkeit besitzen und etwas verbessern müssen. Du kannst Hilfe brauchen und trotzdem geeignet sein, dein Projekt weiterzuführen. Dauernde Gewissheit ist dafür keine Voraussetzung.
Warum dir manche Urteile so vertraut vorkommen
Wie du dich einschätzt, hängt auch damit zusammen, welche Erfahrungen du gemacht und wie du sie verstanden hast. Wiederholte Abwertung, enttäuschende Versuche oder Vergleiche können Spuren hinterlassen. Vielleicht hast du gelernt, bei einer Rückmeldung zuerst nach dem Beweis für deine Unzulänglichkeit zu suchen.
Das kann bis in die Kindheit zurückreichen. Wenn eigene Versuche damals belächelt wurden, kann eine heutige Bewertung etwas ähnlich Unangenehmes berühren. Es können aber ebenso spätere Erfahrungen, aktuelle Anforderungen oder tatsächliche Wissenslücken eine Rolle spielen. Selbstzweifel belegen weder eine bestimmte Kindheitsgeschichte noch ein Trauma.
Ist die Unsicherheit ein Hinweis auf fehlendes Wissen – oder ein altes Urteil über dich? Diese Frage lädt zum Unterscheiden ein. Sie verlangt nicht, dass du eine passende Erinnerung findest. Ein vertrautes Gefühl allein beweist noch nicht, woher es stammt.
Auch ein Vergleich kann die Selbsteinschätzung verschieben. Du siehst das fertige Ergebnis eines erfahrenen Menschen und hältst deinen eigenen Lernprozess dagegen. Was dabei fehlt, sind dessen verworfene Versuche, Übungsstunden und Hilfen. Der Vergleich enthält dann zu wenig Information, um deine Fähigkeit fair zu beurteilen.
Wann deine Selbstzweifel besonders deutlich werden
„Ich habe eben Selbstzweifel“ klingt schnell wie eine feste Eigenschaft. Aufschlussreicher ist, wann sie besonders deutlich werden. Bei einer sachlichen Rückmeldung? Wenn du etwas zum ersten Mal selbst verantwortest? Sobald du deine Arbeit mit der eines anderen Menschen vergleichst?
Solche Auslöser müssen nicht dramatisch sein. Im Fotobuch-Beispiel genügt ein einzelner Satz. Danach folgt deine Deutung: „Ich kann das nicht.“ Vielleicht empfindest du Scham, wirst still und möchtest die Arbeit niemandem mehr zeigen. Möglicherweise sinken deine Schultern ab oder du spürst einen Kloß im Hals.
Gedanke, Gefühl und Körperempfindung gehören für die EMDR-Arbeit zusammen. Die körperliche Reaktion kann das Urteil unmittelbar überzeugend erscheinen lassen: Du fühlst dich klein, also scheint es wahr zu sein, dass du zu wenig kannst. Doch dieses Gefühl ersetzt keine Prüfung deiner tatsächlichen Fähigkeiten.
Auch wenn dabei keine deutliche Körperempfindung auftaucht, bleibt der konkrete Auslöser ein brauchbarer Bezugspunkt.
Bei welcher konkreten Erfahrung die innere Arbeit ansetzen kann
Manchmal ist nach der sachlichen Klärung weiterhin eine deutliche Belastung da. Du weißt, dass sich die Schriftfarbe ändern lässt, aber der Kommentar nimmt dir trotzdem den Mut. Dann verdient auch diese Reaktion Aufmerksamkeit.
Für EMDR-Selbstcoaching könnte der Ausgangspunkt genau der Augenblick sein, in dem du den Kommentar hörst und das Fotobuch zuklappst. Du befasst dich mit diesem Satz, der Selbstabwertung und dem spürbaren Rückzug. Die ganze Person oder das gesamte Selbstbild müssen dafür nicht zum Bearbeitungsauftrag werden.
Je nachdem, was dich aktuell beschäftigt, kann auch eine konkret erinnerte Rückmeldung oder die Vorstellung einer bevorstehenden Bewertung zum Thema werden. Du wählst einen begrenzten Bezugspunkt. Ein vermeintlich tieferer Ursprung muss dafür nicht rekonstruiert werden.
Thomas Buhls EMDR-Selbstcoaching in sechs Schritten verbindet dieses Erleben mit bilateraler Stimulation und zielt auf die zugehörige emotionale Belastung. Er vermittelt keine fehlende Fachkenntnis und liefert keinen Beweis, dass eine Kritik unbegründet war. Beides bleibt getrennt zu prüfen.
Diese Form der Selbstanwendung ist für überschaubare Alltagsthemen gedacht. Wenn Selbstabwertung dein Leben stark bestimmt, depressive Beschwerden hinzukommen oder Erinnerungen dich überwältigen, ist professionelle Unterstützung angemessen.
Was du aus einer Rückmeldung tatsächlich mitnehmen kannst
Halte zunächst auseinander, was jemand gesagt hat und was du daraus über dich geschlossen hast. Im Beispiel bleibt als überprüfbarer Punkt: Die Schrift auf einer Seite ist schwer lesbar. Daraus ergibt sich eine konkrete Änderung, kein Gesamturteil.
Bleibt darüber hinaus eine belastende Reaktion, benenne die Szene, in der sie auftritt. So wird erkennbar, ob du Wissen ergänzen, eine Arbeit überarbeiten oder dich mit deiner Selbstabwertung befassen möchtest. Die Einordnung gibt dir eine Richtung; das gezielte Überwinden wiederkehrender Selbstzweifel ist die anschließende Aufgabe.









